Linien und Schlüssel

Aus Radl.at

Die Verbindung der Buchstabenbenennung der Töne und der anschaulichen Darstellung ihrer Höhenlagenverschiedenheiten auf einem durch Linien geteilten Raum erfolgt nun aber in der Weise, dass eine nicht zu kleine aber noch leicht überschaubare Zahl von Linien - nämlich fünf - ihrer Tonhöhenbedeutung nach durch Einzeichnung eines Buchstaben zu Anfang bestimmt wird. Versuche mit mehr Linien sind gemacht worden und haben sich als unpraktisch erwiesen.

Mit nur vier Linien wurden und werden die Gesangbücher der katholischen Kirche notiert (Gregorianischer Choral); dagegen bedient sich die neuere Musik ausschliesslich des Systems von fünf Linien (Fünfliniensystem, oder kurzweg System).

<lilypond>\hideNotes c</lilypond>


Die Tonhöhenbedeutung der Linien oder Zwischenräume dieses Systems wird bestimmt durch Einzeichnung des allen Gesangstimmen und Instrumenten gemeinsamen, die Mitte des gesamten Tonsystems bildenden (eingestrichenen) c' oder aber des nächsthöheren g' oder des nächsttieferen f.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Lage der durch diese drei Buchstaben bezeichneten Töne:

Grundskala.jpg

So ist leicht ersichtlich, dass die Einzeichnung des g' mehr die obere Hälfte des mittleren Tongebietes auf die Linien rückt, die Einzeichnung des f dagegen die untere, während die Einzeichnung des c' die wirkliche Mitte hält; ein weiterer Unterschied wird sich ergeben, jenachdem man den Buchstaben auf eine höhere oder tiefere Linie stellt.

Früher wurde eine grosse Zahl dieser Möglichkeiten praktisch verwertet, nämlich:

<lilypond> \relative c \time 4/4 { \clef french c2 \clef violin c \clef soprano c \clef alto c \clef tenor c \clef bass c } </lilypond>


Ein solcher die Tonhöhenbedeutung des Liniensystems bestimmender eingezeichnete Buchstabe heisst Schlüssel. Der g' Schlüssel sowohl als der c' und f Schlüssel haben ganz allmählich ihre heutige Form angenommen:

Die neuere Zeit drängt mehr und mehr darauf hin, die anderen Schlüssel zugunsten des Violin- und Bassschlüssels abzuschaffen (höchstens scheinen sich der Alt- und Tenorschlüssel daneben halten zu wollen). Die zu einer universellen Bedeutung gelangte Klaviermusik (wie auch die Orgelmusik), welche das gesamte Tongebiet begeht, bedient sich der Verkoppelung zweier Fünfliniensysteme, deren oberes den g Schlüssel auf der zweiten Linie von unten (Violinschlüssel), das untere den f Schlüssel auf der zweiten Linie von oben (Bassschlüssel) erhält, so dass zwischen beiden Systemen nur drei Stufen Abstand, d. h. Platz für eine weitere Linie ist, auf welche gerade das mittelste c' (das eingestrichene) zu liegen kommt:

<lilypond> \new GrandStaff \relative c' <<

 \new Staff { \clef violin { c1^\markup c' g' c^\markup c g'^\markup g r r}}
 \new Staff { \clef bass { c,,1_\markup c' f, c_\markup c f,_\markup F r r}}

>> </lilypond>


Der Umfang des Basssystems reicht von gross F bis klein h, der des Violinsystems vom eingestrichenen d zum zweigestrichenen g; nimmt man die Linie des c' zu Hilfe, sobald man sie braucht (als sogenannte Hilfslinie, nur als kleines den Notenkopf durchschneidendes Stück; wollte man sie ganz durchziehen, so hätte man 5 + 1 + 5 = 11 Linien, die niemand übersehen kann), so ist also die Skala von F bis , ungefähr der Umfang der menschlichen Singstimmen, auf den Linien darstellbar.

Allein für die musikalischen Instrumente ist die Notierung noch bedeutend höherer oder tieferer Töne nötig. Solche werden zunächst ebenfalls mit Anwendung von Hilfslinien notiert, d. h. ihre Erhebung über oder ihr Hinabragen unter das Liniensystem wird durch kleine Linienstücke angedeutet, welche die Stufenzahl leicht erkennen lassen:

<lilypond> \relative c' <<

 { \clef violin { c1_\markup c' g'_\markup g c_\markup c' r r r}}>>
 <<
 { \clef bass { c,,,1^\markup C f,^\markup F, c^\markup C, r r r}}

>> </lilypond>


Es gibt auch Gründe, aus dem Violinsystem nicht unmittelbar über die c' Hilfslinie ins Basssystem überzugehen oder umgekehrt, sondern über dem Basssystem und unter dem Violinsystem in ähnlicher Weise Hilfslinien in Anspruch zu nehmen, so dass man, besonders wenn man auch die drei noch üblichen c' Schlüssel mit in Betracht zieht, eine grosse Zahl von Tönen mehrfach notieren kann.

<lilypond> \relative g \time 4/4 {

 \clef violin c,,4^\markup Violinschlüssel d2 e f g a b c4 d2 e f g a b c4 
 }

</lilypond>

<lilypond> \relative g \time 4/4 {

 \clef alto g,,2^\markup Altschlüssel a b c4 d2 e f g a b c4 d2 e f g 
 }

</lilypond>

<lilypond> \relative g \time 4/4 {

 \clef tenor g,,2^\markup Tenorschlüssel a b c4 d2 e f g a b c4 d2 e f g 
 }

</lilypond>

<lilypond> \relative g \time 4/4 {

 \clef bass g,,2^\markup Bassschlüssel a b c4 d2 e f g a b c4 d2 e f g 
 }

</lilypond>


Am wenigsten üblich sind Häufungen von Hilfslinien bei den c Schlüsseln (allenfalls sieht man bei Stücken aus dem vorigen Jahrhundert, die statt des Violinschlüssels den Diskantschlüssel haben, hohe Noten mit vielen Hilfslinien); heutzutage geht man vom Altschlüssel (z. B. bei der Bratsche), statt in der Höhe viele Hilfslinien einzuführen, zum Gebrauch des Violinschlüssels über, und vom Tenorschlüssel (bei Cello, Fagott, Posaune) in der Tiefe zum Gebrauch des Bassschlüssels. Übrigens wendet man statt gehäufter Hilfslinien sowohl in der Höhe als in der Tiefe eine das Lesen erleichternde Abkürzung an, nämlich das sogenannte octava-Zeichen, welches über den Noten bedeutet, dass die Täne eine Oktave höher genommen werden sollen, unter den Noten (meist mit dem Zusatz bassa) aber, dass sie eine Oktave tiefer genommen werden sollen.

<lilypond> \relative g \time 4/4 {

 \clef violin a'2 b c d e f g a, b c d e 
 }

</lilypond>


Nur ganz ausnahmsweise wird auch angezeigt, dass eine Note zwei Oktaven höher verstanden werden soll; das Zeichen dafür ist 15ma (= quinta decima, 15 Stufen, d. h. zwei Oktaven höher). Die gewöhnliche Geltung der Noten tritt ein, sobald die das 8va fortsetzende punktierte oder geschlängelte Linie ihr Ende erreicht; dieselbe wird aber vorsichtshalber gewöhnlich eingebogen (nach den Linien hin), ja man macht sogar durch die Vorschrift loco ("an ihrem Orte") noch besonders darauf aufmerksam, dass die weiter folgenden Noten wieder ihre gewöhnliche Bedeutung haben sollen.

Siehe auch